Spiegel – Tore zur eigenen Seele


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Spiegel sind überall. Im Bad, im Flur, im Fitnessstudio – manchmal habe ich das Gefühl, sie lauern uns heimlich auf. Doch sind sie wirklich nur glatte Scheiben, die unser Gesicht reflektieren? Weit gefehlt. Spiegel sind die stillen Regisseure unseres Alltags. Sie beeinflussen unser Selbstbewusstsein, unsere Laune und sogar unsere sozialen Manieren – oft, ohne dass wir es merken. Ich liebe Spiegel. Sowohl die schlichten, mit einem bescheidenen Holzrahmen, als auch jene mit prunkvollen, goldenen Verzierungen. Zwei ganz unterschiedliche Exemplare hängen in meiner Wohnung. Da ist ein schmaler, langer Spiegel, der mich in meiner ganzen Lebensgrösse zeigt. Und in der Stube: ein königliches Kunstwerk – ein reich verzierter Spiegel aus dem 18. Jahrhundert, der einst die Wände eines Loire-Schlosses schmückte. Er ist das Zentrum meines Wohnraums. Die Spannung zwischen seiner Geschichte und meiner modernen Umgebung fasziniert mich jeden Tag aufs Neue. Doch mehr noch: Für mich ist er ein Tor zu meiner eigenen Seele. Denn Spiegel sind mehr als Glas und Rahmen. Sie sind stille Begleiter unserer Selbstwahrnehmung, Fenster zu unserem Inneren. Wer in den Spiegel blickt, sieht nicht nur sein Äusseres, sondern begegnet auch dem Selbst darunter – jenem Ich, das im Alltag oft verborgen bleibt.

    Schon Kinder erkennen sich im Spiegel und beginnen, ein Bewusstsein für ihr eigenes Sein zu entwickeln. Später zeigt uns der Spiegel nicht nur unser Gesicht, sondern auch unsere innere Haltung. Er offenbart, wie wir mit uns selbst umgehen. Ein liebevoller Blick kann trösten, ein kritischer Blick unsere Muster entlarven. Mein königlicher Spiegel ist dabei mein stiller Begleiter – manchmal sanft, manchmal schonungslos. Er lädt mich ein zur Reflexion, zur ehrlichen Begegnung mit mir selbst. Er hilft mir, mich so zu sehen, wie ich wirklich bin – und alte Selbstbilder loszulassen. Übrigens, wer sich regelmässig im Spiegel betrachtet, kann lernen, nicht zu urteilen, sondern anzunehmen. Meine beiden Spiegel sind wie gute Freunde – und zugleich unerbittliche Kritiker. Ich gehöre zu den Menschen, die sich selbst nicht ausweichen. Früher habe ich beim Blick in den Spiegel noch gezögert, vielleicht sogar die Augen zusammengekniffen. Heute halte ich stand. Es war ein langer Prozess, aber inzwischen kann ich mich betrachten – geerdet und gleichzeitig federleicht.

    Natürlich kenne ich sie auch: die kleinen Irritationen. Eine neue Falte, ein Pigmentfleck, ein müder Blick. «Ich werde älter», flüstert es leise. Und dann denke ich: Ja, so ist das Leben. Manchmal strecke ich meinem Spiegelbild die Zunge heraus, ziehe eine Grimasse und lache. Und in mir sagt eine Stimme: «Es ist gut so. Schau, was für ein schönes Leben dir Gott geschenkt hat. Und wie schön deine Seele ist.» Dann stehe ich still vor meinem royalen Spiegel – einem Zeitzeugen, der Jahrhunderte und sogar Weltkriege überstanden hat – und fühle eine tiefe Demut. Als würde er mir nicht nur mein Gesicht zeigen, sondern auch ein Stück Weltgeschichte in mein Zuhause tragen. Spiegel beeinflussen meine Stimmung auf subtile Weise. Sie bringen Licht in Räume, schaffen Weite, Leichtigkeit, Ruhe. Und wenn ich mich im Spiegel bewege – beim Sport oder im Tanz – wird es zu einer stillen Meditation. Ich beobachte, spüre, lerne. Schritt für Schritt wachse ich in die Akzeptanz meiner selbst hinein. Spiegel können Türen öffnen – zu Heilung und Veränderung. In der bewussten Begegnung mit dem eigenen Spiegelbild liegt die Kraft, Selbstkritik loszulassen und den eigenen Wert neu zu erkennen. Was wir sehen, ist nie nur Oberfläche. Es ist immer auch ein Spiegel unseres Inneren.

    Liebe Leserinnen und Leser, Spiegel sind weit mehr als funktionale Objekte. Sie sind Lehrer, Begleiter und stille Wächter unseres Bewusstseins. Wer ihnen achtsam begegnet, öffnet nicht nur Räume, sondern auch sich selbst. Und vielleicht erkennen wir dann: Das, was uns im Spiegel begegnet, ist nicht etwas, das bewertet werden muss – sondern etwas, das gesehen und geliebt werden will.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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